Den
Tagtraum, den Xell träumt, ist Musik zu schreiben, die alle
Stile
vereint, die er mag. Klassiche Musik, Metal, bulgarische Folklore. Ja
geht denn das? Kurz - Xells wichtigste kompositorische Intention ist
es, einen musikalischen Ausdruck als kulturübergreifende
Sprache einzurichten. Und das beeindruckt, weil es funktioniert.
Zunächst handelt es sich bei seinen
Stücken um kein
gewöhnliches Singersongwriter-Material. Die Konzeption beruht
auf
der klassischen Idee, eine Gleichwertigkeit aller Instrumente zu
etablieren, in der sie sich polyphon bewegen können.
Außerdem steht in den meist instrumental
gehaltenen
Werken keine zentrale Figur wie etwa ein Solist oder Sänger im
Mittelpunkt. Die Stücke selbst sind der Kern und als Ganzheit
zu
verstehen. Die Musik begleitet nicht, sie ist selbstständig
narrativ. Ausdrucksmittel sind in erster Linie die Themengestaltung und
deren mehrdimensionale Verwebung in den Arrangements.
In ihrer Projektion sind Xells Kompositionen eine
Anlehnung an die so genannte Ernste Musik
und wirken wie Filmmusikstücke ohne Film. Den wenigen Songs
wurde
die Funktion eines Intermezzos, einer Pause von der programmatischen
Konzeption der instrumentalen Werke zugewiesen. Trotzdem ist auch bei
ihnen die progressive Technik, mit der Xell seine Stücke
inszeniert, präsent. Dadurch bekommt man als Hörer
den
Eindruck, an einem wertigen Gesamtkonzept teilzunehmen.
Der aus Bulgarien stammende und in
Deutschland aufgewachsene
Xell kommuniziert hauptsächlich über die
Atmosphäre
seiner Stücke. Der Inhalt seiner Klangerzählungen ist
tiefsinnig und nachvollziehbar zugleich. Es ist Musik die man bewusst
hört; Musik mit eigener Laune, Musik, die ohne
Plattitüden
vielfältige Empfindungen freizulegen vermag. Im Vordergrund
steht
jedoch kein gesellschaftliches oder sozialkritisches Mitteilen; kein
musikalisches Aufarbeiten depressiver Zustände, kein lyrisches
Lamentieren über tragisch verlaufende Liebesbeziehungen. Die
Botschaft der multikulturellen Identität begegnet dem
Hörer
auf sympathische Weise rein akustisch. So wirkt sie als freier Gedanke
weiter nach, ohne zu bedrängen. Dagegen entstehen die wenigen
Songtexte eher zufällig oder sind abstrakte,
künstlerische
Gebilde. Ihr poetischer Aspekt ist spontan und wirkt dadurch
unverbraucht unterhaltend.
Wenn man von Stilistik spricht, kann man Xells Musik als
ein
geschicktes Konstrukt aus Progressivemetal und bulgarisch-balkanischen
Folklorenmotiven in klassischer Mehrstimmigkeit gesetzt umschreiben.
Diese Mischung hat einen gewagten intellektuellen und musikalisch
evolutionären Anspruch, der seine Wirkung auch und ganz
besonders
vor dem Hintergrund der Entstehung dieser Musik entfaltet, in
Zusammenhang mit ihrer tieferen Aussage und den Ideen, die sich in ihr
wiederfinden.
Beispielsweise werden allein durch das
Zusammenführen von
Kammerensemble und Metalelementen bekannte Balkanklischees umgangen.
Xell baut sein Bandkonzept nicht stereotyp, sondern geht mit ihm neue
Wege, die durch einen Cocktail von westlicher und
osteuropäischer
Klangtradition führen. Dabei hat die unkonventionelle
Instrumentierung, wie etwa Oboe, Klarinette, Violine auf der einen
Seite - Powerdrums, Metalgitarren und Soundeffekte auf der anderen,
einen wesentlichen Anteil an der Charaktergestaltung: filigrane, teils
folkloristische Melodiegebilde wechseln ihre Farben durch die Kollision
verzerrter Rhythmen und perkussiver Spieleigenart.
Xells Musik hat keine direkte improvisatorische
Eigenart. Sie
ist auskomponiert, wirkt aber durch ihre eigensinnige Form frisch und
spontan. Durch das raffinierte Arrangement ist sie weder in sich
gefangen noch befremdlich.
Die Stücke vermitteln bisweilen eine Art
filmisch-theatralisches Szenario, das den Hörer in seinen Bann
zieht. Dabei liegt es an ihm, dem Hörer, durch den eigenen
Verrücktheitsgrad Kontakt zur Musik herzustellen. Das
funktioniert
nach einer Weile problemlos über Humor, Sound, metaphysische
Beschaffenheit, Kompositionstechnik oder den schlichten Bewegungsdrang.
Gesamtausrichtung und Image von Xells
musikalischer Seite
haben nichts mit einer importierten, romantisch verklärten
Roma-Figur zu tun. Aus dem Dschungel musikalischer
Alltäglichkeit
bricht er jenseits von Hochzeitmugge und Balkan-DJ-Partyexzessen
unerwartet und spätestens dann hervor, wenn man glaubt, alles
schon mal gehört zu haben. Xell zeigt eindrucksvoll, dass auch
folkloristisch motivierte Musik niemals begrenzbar ist, niemals auf
Klischees reduziert werden darf und weiter gehen muss, als bis zum
nächsten bulgarischen McDonalds. Unter seinem metallischen
Soundvulkan brodelt stets eine mystische Idee. Die Idee, Traditionen
miteinander weiterzudenken. Außerdem ist er kein Roma.
Was sagt das alles letztendlich aus? Dass Xells Musik als
notwendiges
multikulturelles Format ein starkes alternatives Potential offeriert;
sich selbstbewusst abhebt und trotz, oder vielleicht gerade wegen der
vielschichtigen Struktur ein einmalig unterhaltsames Beispiel
für
künstlerischen Anspruch und kommerzielle
Funktionalität ist.
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